Liebe Communio-Leser,

Wenn dieser Artikel erscheinen wird, ist das Attentat in Halle am 9.10.2019 schon ein paar Tage her. Jetzt, bei Redaktionsschluss, ist es ganz aktuell.
Mir ist etwas bei der Berichterstattung aufgefallen: Wie oft ging es um diese schreckliche Tat, und nur ganz beiläufig wurde erwähnt, dass dieTat am höchsten jüdischen Feiertag verübt worden ist.
Dass der Feiertag dabei fast unterging, hat mich zusätzlich betroffen gemacht. Der Tat wird viel Raum eingeräumt – aber was wird denn an Jom Kippur gefeiert?
Es ist eine Frage des Blickwinkels, finde ich. Dem Täter wird, wenn auch mit Negativschlagzeilen, doch eine recht große Präsenz verliehen. Man könnte ja auch Menschen anderen Glaubens zuhören, was sie da eigentlich feiern?
Jom Kippur schließt eine zehntägige Reuezeit ab. Begonnen haben diese zehn Tage der Versöhnung mit Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest. Menschen jüdischen Glaubens versuchen in diesen Tagen, sichzu versöhnen, Streit beizulegen, nach zudenken, den Frieden zu suchen. Dieser Tag soll die Gläubigen daran erinnern, dass Gott Sünden vergibt, wenn diese ernsthaft bereut werden. Der Versöhnungstag ist ein ruhiger, ernster Feiertag; es wird gefastet, man geht in die Synagoge, das Lebensteht still. Es wird auch der Verstorbenen gedacht. Beendet wird Jom
Kippur mit einem fröhlichen Fest.
Ich fürchte, dass solch unmenschlicher Hass im Kleinen anfängt. Bei Jugendlichen gibt es zurzeit wieder „Du Jude!“ als Schimpfwort. Wenn ich das höre, werde ich wütend – und schalte mich ein, selbst wenn ich die jungen Leute nicht kenne. So etwas darf nicht passieren!
Dem könnte entgegenwirken, wenn man ehrliches Interesse zeigt an Menschen anderer Glaubensrichtungen. Wenn man sich gegenseitig erzählt, ins Gespräch kommt, sich über den Glauben und seine Sicht auf die Welt austauscht, kann es ein erster Anfang sein, um Brücken zu bauen, um seinen eigenen Glauben intensiver zu durchdenken, um den anderen mehr zu verstehen. Denn wenn ich über meinen eigenen Tellerrand blicke, lerne ich auch etwas über mich selbst und meinen Glauben.
Juden glauben an denselben Gott wie Christen. Jesus war selbst Jude.„Kein Christ kann Antisemit sein“, sagte Papst Franziskus.
Beten wir für die Verstorbenen in Halle und für ihre Angehörigen.
Beten wir für die Angehörigen des Täters.
Beten wir für Menschen, die vergiftet sind durch Hass und Gewaltfantasien.
Beten wir und tun wir etwas dafür, dass so etwas nie wieder geschieht.

Lydia Hageloch, Pastoralreferentin