Die zwei Gesichter von Palmsonntag

Schon immer hat mich die große Diskrepanz der Schriftlesungen am Palmsonntag fasziniert aber auch herausgefordert: Da wird einerseits der Jubel beim Einzug Jesu in Jerusalem nachempfunden mit Palmenbäumen und bunten Eierkränzen und wenige „liturgische Atemzüge" später folgt die Schilderung der Passion Christi, vom Letzten Abendmahl, die Gefangennahme am Ölberg, der ungerechte Prozess und die Hinrichtung am Kreuz. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt - ist das nicht ein bisschen arg viel in einem einzigen Gottesdienst?! Wie schafft man das einigermaßen schlüssig und sinnvoll zusammenzubringen?
Mir scheint, der althergebrachte Hinweis auf die Wankelmütigkeit des Volkes, der kurze Weg vom „Hosianna!" zum „Kreuzige ihn!", ist nicht alles. Mich treibt viel mehr die Tatsache um, dass wir Coronavirus-Getriebene sind. Die Pandemie nimmt keine Rücksicht auf das Kirchenjahr. Die zentrale Woche im Leben Jesu, die durch den Palmsonntag eröffnet wird und im Osterfest ihren krönenden Abschluss finden soll, muss der Gesundheit zuliebe ohne öffentliche Gottesdienste stattfinden.„ Der Palmsonntag hat dieses Mal zwei ganz besondere Gesichter - er findet online und zuhause statt!
Es wird zweifellos etliche digitale Übertragungen auf allen möglichen Kanälen geben, so dass wir die kommenden Tage liturgisch nicht unterversorgt bleiben. Außerdem können Sie auch dieses COMMUNIO wieder als geistige Nahrungsquelle nutzen. Jeden Abend läuten um 19.30 Uhr in ökumenischer Verbundenheit die Glocken und laden zum persönlichen Fürbittgebet ein: Für die Kranken, für das Pflegepersonal in Seniorenheimen und Kliniken, für die behandelnden Ärztinnen und Ärzte, für alle, die im Dienst der Nächstenliebe sich um andere kümmern und für jene, die bei ihrer beruflichen Arbeit besonderen gesundheitlichen Gefährdungen ausgesetzt sind. Es sei ein dankbares Zeichen der Solidarität und des Aneinander-Denkens.
Außerdem kann auch ein besinnlicher Spaziergang die Augen öffnen: Draußen blühen noch die Palmkätzchen, Wegkreuze erinnern an den Karfreitag, da und dort gibt es schön gestaltete Osterbrunnen. Der Frühling und seine Lebenszeichen vermögen auch dieses Jahr den Auferstehungsglauben zu befördern.
Eine gesegnete Karwoche und eine möglichst stabile Gesundheit, auf dass Sie das geistliche Angebot dieser Zeit immer dann nützen können, wenn Sie's brauchen und so lange, wie Sie möchten!
Pfarrer Dietmar Krieg