Gott – Allein zu Haus

Auf einer Autofahrt nach Bad Kreuznach hörte ich unverhofft im Radio einen Satz, der sich mit meiner Erfahrung deckt und der eine Eigenschaft unserer Gegenwart beschreibt. Mit einem Mal kreiste meine Aufmerksamkeit um diesen Satz und das Auto fuhr wie von selbst geradeaus nach Bad Kreuznach.
Bevor ich zu diesem Satz komme, denke ich an eine Vorhersage des Theologen Karl Rahner, die mit dem Satz aus dem Radio verbunden ist. Karl Rahner sagt: „Der Fromme der Zukunft wird ein ‚Mystiker‘ sein, einer, der etwas ‚erfahren‘ hat, oder er wird nicht mehr sein.“ Hierbei erinnere ich mich an die Unterscheidung von „Erlebnis“ und „Erfahrung“. Das Erlebnis ist das, was ich wahrnehme. Die Erfahrung ist die Reflexion des Erlebten. Diese Reflexion des Erlebten braucht Zeit. Wenn ich mir keine Zeit nehme oder mir keine Zeit gelassen wird, um über meine Erlebnisse nachzudenken, ist es den Erlebnissen nicht möglich, zu Erfahrungen zu werden. Das Leben bleibt in der Ebene, Höhen und Tiefen bleiben unentdeckt.
Für den Frommen ist es kennzeichnend, dass er etwas erfahren hat. Er hat gelernt, wie aus Erlebnissen Erfahrungen werden, so gut, dass er eines Tages weiß, wie aus dem Erleben Gottes eine Gotteserfahrung wird. Das ist die Kunst der Frommen. Sie spielen zu lassen, braucht Geduld und Können. Sie auszuhalten, bedarf des Muts der Entgrenzung. Entgrenzung ist die Voraussetzung, ein Mystiker zu sein.
Im Radio hörte ich den Satz: „Gott ist immer bei Ihnen zu Hause, nur Sie sind leider selten da.“ Unsere Zeit ist geprägt vom Erleben. Das scheint eine Folge der Beschleunigung zu sein. Ohne Zeit kann ich keine Erfahrungen machen. Ohne Erfahrungen kann ich nicht zu mir nach Hause kommen, bleibe draußen vor meiner eigenen Tür und Gott bleibt – allein zu Haus. Er will Gemeinschaft, ist schon lange da. Aber uns fällt der Weg schwer, zu uns nach Hause zu kommen, dort zu bleiben. Zu uns nach Hause zu kommen, es gibt Einfacheres. Um durch diese offene Tür zu treten, müssen wir uns selbst annehmen lernen. Und in dieser Mitte, bei uns zu Hause, da wartet er schon. Entgrenzung und Nachhausekommen – das Paradox unseres Menschseins.
Dekanatsreferent Dr. Johannes Keppeler